Nahaufnahme von Atelopus lozanoi. Foto: WCS Kolumbien, Gustavo González.

27.10.2026 — Lebensraumschutz

Erfolgreiche Zusammenarbeit: Hoffnung für eine verschollene Kröte

Und plötzlich war sie wieder da: Atelopus lozanoi ist eine Stummelfusskrötenart, die fast 20 Jahre lang als vermutlich ausgestorben galt. Bis 2016 – das Jahr, in dem ein kolumbianischer Farmer die Kröte zufällig auf seinem Land wiederentdeckte, alles unter Schutz stellte und so zu ihrem wichtigsten Schutzpatron wurde. Vorbildlicher Artenschutz, den wir im Rahmen unseres Naturschutzprojekts Amphibian Survival zusammen mit unserer Naturschutzpartnerin WCS Kolumbien langfristig unterstützen.

Wenn unser Naturschutzbotschafter Gustavo González zusammen mit Carlos Ríos auf dessen Land am Rande des Chingaza Nationalparks unterwegs ist, dann ist das immer ein besonders schöner Moment im Arbeitsleben des Amphibien-Spezialisten. Der Zoo Zürich finanziert die Arbeit des Biologen bei der Wildlife Conservation Society Colombia (WCS) im Rahmen seines Naturschutzprojekts in Südamerika.

Seitliche Aufnahme von Atelopus lozanoi. Foto: WCS Kolumbien, Gustavo González.

Atelopus lozanoi im Schutzgebiet in Kolumbien. Foto: WCS Kolumbien, Gustavo González.

«Für einen Herpetologen gibt es wohl kaum etwas Schöneres, als wenn plötzlich nach Jahren der Abwesenheit eine Amphibienart wiederauftaucht, die bereits als verloren galt.»

Gustavo González, Naturschutzbotschafter Zoo Zürich

Eine Zufallsentdeckung liess die Atelopus lozanoi genau hier 2016 quasi aus dem Nichts wiederauferstehen. Sichtungen sind noch immer rar. Gerettet ist die Art noch längst nicht. Doch erstmals seit vielen Jahren gibt es wieder Hoffnung für die Kröte.

«Vielleicht ein bis zwei Tiere sehen wir tatsächlich pro Jahr. Und auch nur hier. An anderen Orten, wo die Art früher vorkam, gelang bis heute kein Nachweis. Dieses Areal dürfte also der einzige noch verbliebene Lebensraum sein», erklärt González. Für den Spezialisten ein Hoffnungsschimmer, dass eine Rettung zumindest möglich ist.

Von massenhaft zu Null

Vor 1989 war die schwarze Kröte mit den auffällig roten Musterungen in ihrem Ursprungsgebiet in Zentralkolumbien noch massenhaft verbreitet. Auch Carlos Ríos erinnert sich an diese Zeiten: «Die Kröte war so häufig wie Unkraut. Wohin man auch ging, man fand immer und überall Exemplare.»

Porträtaufnahme von Atelopus lozanoi. Foto: WCS Kolumbien, Gustavo González..

Fotos wie dieses sind nach wie vor rar. Die Kröte zu finden, ist auch heute noch mit sehr viel Glück verbunden. Foto: WCS Kolumbien, Gustavo González.

In den 1990er Jahren begann dann der rasante Kollaps der Population. Bereits wenige Jahre später war kein Tier mehr nachweisbar und spätestens seit 2000 galt die Kröte als vermutlich ausgestorben.

Fast jede Art bedroht

Atelopus lozanoi ist eine von weltweit rund 130 bekannten Stummelfusskrötenarten. Eine Tiergattung, die zu den am stärksten gefährdeten Wirbeltiergattungen überhaupt zählt. Fast alle Stummelfusskrötenarten gelten als vom Aussterben bedroht, bereits ausgestorben oder verschollen.

Ein Grund dafür ist, dass viele Stummelfusskröten endemisch sind, also nur in einem einzigen, meist kleinen Gebiet vorkommen und bereits geringe Störungen massive Auswirkungen auf ihr Überleben haben können. In Kolumbien leben 41 Arten der Stummelfusskröten. Das Land ist generell ein Hotspot der Amphibien-Vielfalt. Das Vorkommen von über 800 Amphibienarten ist dokumentiert, sehr viele sind bedroht.

Druck von allen Seiten

Eine der grössten Gefahren für alle Amphibien weltweit ist der Chytridpilz (Batrachochytrium dendrobatidis). Im Zuge der Globalisierung konnte sich dieser circa ab den 1980er Jahren weltweit ausbreiten und auch Amphibien befallen, die zuvor noch nie in Kontakt waren. Ohne jegliche Form von Immunabwehr gegen den neuen Feind setze bald ein Massensterben ein.

Der aggressive Pilz befällt die Haut der Tiere, über welche sie atmen. Nach und nach breitet er sich über die gesamte Hautoberfläche aus und beeinträchtigt lebenswichtige Funktionen wie den Wasser- und Elektrolythaushalt sowie die Atmung. Für die meisten Tiere endet dies tödlich.

Beprobung eines Frosches im Zoo Zürich. Foto: Zoo Zürich.

Der Chytridpilz kann auch im Zoo zur Gefahr werden. Alle Amphibien werden daher während der Quarantäne beprobt. Hier ist es ein Lehmann's Baumsteiger.. Foto: Zoo Zürich, Tim Benz.

Auch Atelopus lozanoi wurde der Pilz zum Verhängnis. Doch nicht nur dieser allein. Die Kombination aus Pilz, Lebensraumverlust und Zunahme invasiver Arten wie der Regenbogenforelle, die die Kaulquappen der Kröte in grossen Mengen frisst, führten schliesslich zum Zusammenbruch der Population.

Ein Hoffnungsschimmer

Die Wiederentdeckung von Atelopus lozanoi nach fast 20 Jahren und die vorsichtig aufkeimende Hoffnung, die Art doch noch retten zu können, ist vor allem einem Mann zu verdanken. Carlos Ríos hatte das Farmland, auf welchem die Kröte vorkommt und welches heute unter Schutz steht, von seinem Vater geerbt. Als grosser Naturfreund beschloss er, die Bewirtschaftung einzustellen und die Fläche für den Ökotourismus zu nutzen.

In orange eingezeichnet ist das Farmland, das Besitzer Carlos Ríos in ein Schutzgebiet umgewandelt hat. Foto: WCS Kolumbien, Gustavo González.

Carlos Ríos hat sicher immer schon für Natur und Artenvielfalt begeistert. Foto: WCS Kolumbien, Gustavo González.

Eine kleine Sensation

Unterstützung beim Aufbau des Projekts erhielten er und seine Familie von Spezialist*innen des angrenzenden Nationalparks. Auf einer von zahlreichen Exkursionen zur Dokumentation der bestehenden Artenvielfalt wurden auch Fotos gemacht. Und irgendwann war auf einem der Fotos eine schwarz-rot gemusterte Kröte zu sehen: Atelopus lozanoi – eine kleine Sensation.

«Es ist schon ein wenig ironisch: früher habe ich die Kröte so oft gesehen und jetzt feiere ich jede Sichtung», freut sich Ríos. Trotz aller Bedrohungen konnte sich ein kleiner Bestand der Stummelfusskröte, offenbar gut versteckt, über all die Jahre behaupten. Für Ríos ist daher klar: «Für ihren Schutz würde ich so ziemlich alles tun.» Sie dürfe nicht nochmals verschwinden.

Blick in das Schutzgebiet und den angrenzen Nationalpark, in dem die Kröte noch vorkommt. Video: WCS Kolumbien.

Um das zu verhindern, steht Ríos auch das von WCS Kolumbien geleitete und vom Zoo Zürich finanzierte Programm «Strategie zum Schutz von Amphibien in Kolumbien» zur Seite. «Ziel ist es, das Monitoring der Kröte und weiterer Arten zu stärken, Renaturierungen durchzuführen, invasive Arten wie die Regenbogenforelle einzudämmen und auch die Forschung zum Chytridpilz voranzutreiben», erklärt González.

Wo nötig wird die Vegetation mit Pflanzungen wiederhergestellt. Foto: Gustavo González, WCS Kolumbien.

Plakate informieren über das Artenschutzprojekt. Foto: Gustavo González, WCS Kolumbien.

Theateraufführungen sollen sensibilisieren und aufklären. Foto: Gustavo González, WCS Kolumbien.

Der Aufwand ist gross. Sogar eine Naturschutzvereinbarung wurde geschlossen, die klare Schutzmassnahmen festlegt. Dazu gehören beispielsweise die Absperrung von Wald- und Bachbereichen, so dass weidende Rinder hier keinen Zugang mehr haben. Auch die heimische Vegetation wird – wo nötig – durch Pflanzaktionen wiederhergestellt. Nachhaltiger und naturbasierter Tourismus wird gefördert. Er ist eine wichtige Geldquelle, denn Naturschutz kostet. Und sogar Theaterstücke gibt es. Sie klären auf über den Wert der Kröte und den nötigen Schutz ihres Lebensraums.

Lokale Gemeinschaften als Schlüssel

Erst die Kombination all dieser Massnahmen kann überhaupt einen langfristigen Erfolg und damit Erhalt der Art garantieren. Ein besonderes Augenmerk liegt für den Herpetologen daher auch in der Umweltbildung und Einbindung der lokalen Gemeinschaften in solche Projekte.

«Wenn die Leute merken, dass sich mit dem Schutz zusätzliche Einnahmen erzielen lassen, sind sie bereit ihre Aktivitäten, die der Umwelt schaden, anzupassen und sich im Schutz zu engagieren.»

Gustavo González, WCS Kolumbien

Lokale Helfer*innen im Projekt. Foto: Gustavo González, WCS Kolumbien.

Wiederansiedlungen sollen die Art unterstützen. Foto: Gustavo González, WCS Kolumbien.

Zurück in die Natur

Sehr erfolgreich umsetzen konnte WCS Kolumbien diesen Ansatz zusammen mit seinen Partnern bereits beim Lehmann’s Baumsteiger (Oophaga lehmanni), eine vom Aussterben bedrohte Froschart, die mittlerweile das Aushängeschild einer ganzen Region ist. Grosse Teile der lokalen Bevölkerung haben den Wert des Frosches erkannt, setzen sich aktiv für deren Schutz ein und sind mittlerweile seine wichtigsten Boschafter*innen.

Auch an dieser Erfolgsgeschichte ist der Zoo Zürich im Rahmen seines Naturschutzprojekts Amphibian Survival beteiligt. Er finanziert beispielsweise die Zuchtstation für Wiederansiedlungen im Zoo Cali und alle weiteren notwendigen Schritte. Inzwischen wurden bereits 271 Frösche in die Natur entlassen. Weitere Tiere stehen derzeit in den Startlöchern.

Wiederansiedlung des Lehmann's Baumsteiger in Kolumbien. Foto: WCS Kolumbien.

Über 270 Tiere konnte das Team bereits in die Natur zurückbringen. Foto: Gustavo González, WCS Kolumbien.

Vor Ort und im Zoo

Wie bei allen Naturschutzprojekten des Zoos ist es die Verknüpfung von Massnahmen vor Ort (in-situ) mit jenen im Zoo (ex-situ), die solche positiven Entwicklungen vorantreiben und ermöglichen. 

Vor Ort geht es um den Schutz von Lebensraum, die Eindämmung von Gefahren, Wiederansiedlungen, wenn sinnvoll, Umweltbildung und die Einbindung lokaler Gemeinschaften. Ausserhalb des Lebensraums und damit im Zoo steht der Erhalt von Reservepopulationen, Forschung, die Aufklärung und Sensibilisierung der Zoogäste für das Amphibiensterben und damit die Finanzierung von Naturschutz im Fokus.

«Diese Geschichte ist ein grossartiges Beispiel für das, wofür der Zoo Zürich steht: Wir verbinden, was zusammengehört!»

Severin Dressen, Zoodirektor

Rio-Pescado-Stummelfusskröte (Atelopus balios). Foto: Zoo Zürich, Enzo Franchini.

Rio-Pescado-Stummelfusskröte (Atelopus balios). Foto: Zoo Zürich, Enzo Franchini.

Lehmann's Baumsteiger (Oophaga lehmanni). Foto: Zoo Zürich, Tim Benz.

Lehmann's Baumsteiger (Oophaga lehmanni). Foto: Wildlife Conservation Society Colombia.

Im Zoo Zürich leben daher Lehmanns Baumsteiger (Oophaga lehmanni) ebenso wie vom Aussterben bedrohte Rio-Pescado-Stummelfusskröten (Atelopus balios), enge Verwandte von Atelopus lozanoi. Beide Arten sind sowohl Botschafter für ihre bedrohten Artgenossen, Teil einer Reservepopulation und Basis zur Gewinnung neuer Erkenntnisse über die Art.

Verbinden, was zusammengehört

Während in der Schweiz über eine Millionen Gäste jährlich mehr über Stummelfusskröten, Lehmanns Baumsteiger und weitere bedrohte Frosch- und Krötenarten erfahren, einen freiwilligen Naturschutzfranken zahlen und sich teilweise auch darüber hinaus engagieren, können in Kolumbien Frösche wiederangesiedelt und die Population einer verschollen geglaubten Kröte «wiederbelebt» werden. Was in Zürich passiert, wirkt also bis nach Kolumbien. Wir verbinden, was zusammengehört und schaffen so echten Artenschutz mit Substanz.

Selbst aktiv werden

Möchten auch Sie Teil dieser Erfolgsgeschichte zum Erhalt der Artenvielfalt in Kolumbien werden? Dann freuen wir uns über ihre Spende!

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