Bärenstummmelaffe im Zoo Zürich. Foto: Zoo Zürich, Fabio Süess.

15.10.2026 — Tiere

Strategisches Rumhängen

In seiner monatlichen Kolumne in der «Weltwoche» gibt Zoodirektor Severin Dressen Einblick in die Arbeit eines modernen Zoos und berichtet über kleine und grosse Entwicklungen im Zoo Zürich. Bärenstummelaffen haben beispielsweise nicht nur einen ungewöhnlichen Namen, sie haben auch eine konkrete Aufgabe im Zoo Zürich.

Manche Tiere beeindrucken durch Kraft. Andere durch Geschwindigkeit. Und dann gibt es Bärenstummelaffen. Wer Finn und Keni beobachtet, könnte zunächst meinen, sie seien die Erfinder der Mittagspause. Oder der Nachmittagsruhe. Oder des gepflegten Herumsitzens ganz allgemein. Tatsächlich verbringen Bärenstummelaffen einen grossen Teil ihres Tages mit Ausruhen. Das ist keine Faulheit, sondern ausgeklügelte Energiesparstrategie. Wer sich hauptsächlich von Blättern ernährt, muss einerseits viel Verdauungsarbeit leisten und verfügt andererseits nicht gerade über die Kraftstoffreserven eines pubertierenden Schimpansen. Während andere Primaten hektisch von Ast zu Ast rasen, nehmen es Bärenstummelaffen meist gemütlich.

Bärenstummelaffe im Zoo Zürich. Foto: Zoo Zürich, Fabio Süess.

Foto: Zoo Zürich, Fabio Süess.

Stark reduzierter Daumen

Besonders bemerkenswert ist die Hand der Bärenstummelaffen. Oder genauer gesagt: der Daumen, der praktisch keiner mehr ist. Der wissenschaftliche Name der Gattung lautet Colobus und stammt aus dem Griechischen. Er bedeutet so viel wie „verstümmelt“ oder „verkürzt“. Das klingt zunächst wenig schmeichelhaft. Wer möchte schon nach einem fehlenden Daumen benannt werden?

Doch die Evolution hatte einen guten Grund für diese scheinbare Sparmassnahme. Der stark reduzierte Daumen macht die Hand schlanker und hakenförmiger. Dadurch können sich die Tiere – wenn es dann doch mal sein muss – blitzschnell und sicher durch die Baumkronen bewegen. Während wir Menschen beim Klettern ständig nach Halt suchen, hangeln sich Bärenstummelaffen mit ihren spezialisierten Händen routiniert durchs Geäst.

Bärenstummelaffe im Zoo Zürich. Foto: Zoo Zürich, Tim Benz.

Foto: Zoo Zürich, Tim Benz.

Leider gehört der Bärenstummelaffe zu den Primatenarten, deren Zukunft ungewiss ist. Die fortschreitende Abholzung der Wälder und die Jagd setzen den Beständen zu. Immer mehr ihres westafrikanischen Lebensraums geht verloren und damit die Grundlage für eine Tierart, die auf intakte Waldgebiete angewiesen ist. Zoos spielen deshalb eine wichtige Rolle. Männchen Finn und Weibchen Keni sind Teil des Europäischen Erhaltungszuchtprogramms, das dazu beiträgt, eine genetisch gesunde Reservepopulation zu erhalten und wertvolles Wissen über Haltung und Biologie dieser faszinierenden Primaten zu gewinnen.

Ganz entspannte Vorhut

Sie sollen bei uns aber nicht nur Familiengründung betreiben und als Botschafter ihrer bedrohten Art fungieren, sie sind auch unsere Lehrmeister. Mit ihnen sammeln wir frühzeitig Erfahrungen mit einer Tierart, die in Zukunft eine besondere Rolle bei uns spielen wird. Denn in einigen Jahren sollen Bärenstummelaffen durch den Gästebereich unseres neuen Ndoki-Wald-Lebensraums springen. Die beiden sind damit gewissermassen die Vorhut eines zukünftigen Waldprojekts. Oder, um es in ihrem Tempo auszudrücken: Sie nehmen die Sache ganz entspannt in Angriff. Schliesslich muss man nicht immer hektisch durch die Welt eilen. Manchmal reicht es, ruhig auf einem Ast zu sitzen, Blätter zu kauen und dabei ganz nebenbei die Zukunft einer bedrohten Tierart zu sichern.

Severin Dressen, Direktor des Zoo Zürich. Foto: Zoo Zürich, NIKON Claudio Thoma.

Foto: Zoo Zürich, Claudio Thoma.

Obenstehender Text erschien erstmals im Rahmen der Kolumne «Zoogeschichten» von Severin Dressen in der «Weltwoche».

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