Zieglers Krokodilmolch im Zoo Zürich. Foto: Zoo Zürich, Tim Benz.

21.10.2026 — Tiere

Vielschichtige Amphibien

In seiner Kolumne im «Tagblatt der Stadt Zürich» erzählt Zoodirektor Severin Dressen von den kleinen und grossen Geschichten des Zooalltags. Diesmal geht es darum, dass der erste Blick manchmal nur die halbe Wahrheit offenbart.

Es war einmal ein Stachliger Krokodilmolch. Der lebte mit vielen anderen Stachligen Krokodilmolchen in den subtropischen Wäldern Nordvietnams und Südchinas. Dort vermehrte er sich und führte ein sicheres Dasein. An dieser Stelle könnte die Geschichte bereits zu Ende sein. Ist sie aber nicht. Denn die Natur zeigt uns immer wieder eindrucksvoll, dass sie vielschichtiger und spannender ist, als wir häufig meinen.

Zieglers Krokodilmolch im Zoo Zürich

Zieglers Krokodilmolch im Zoo Zürich. Foto: Zoo Zürich, Tim Benz.

Andere Gene, andere Art

So auch in diesem Fall. Etwa ab den 2000er Jahren wurden molekulargenetischen Methoden einfacher anwendbar für die Untersuchung von Arten. Die vermehrte Anwendung in Verbindung mit Feldforschungen führte dann zu einigen Überraschungen, so auch beim Stachligen Krokodilmolch (Tylototriton asperrimus). Hinter dieser vermeintlich «einen Art» verbargen sich mehrere verschiedene Arten. Eine davon erhielt erst 2013 ihren wissenschaftlichen Namen: Zieglers Krokodilmolch (Tylototriton ziegleri). Dieses Phänomen nennen Fachleute «kryptische Diversität». Kryptische Arten sehen sich so ähnlich, dass sie lange Zeit für dieselbe Art gehalten werden. Erst moderne Forschungsmethoden offenbaren die verborgenen Unterschiede.

Das mag nach akademischer Haarspalterei klingen, hat aber grosse Konsequenzen für den Artenschutz. Denn aus einer vermeintlich häufigen Art wird plötzlich eine Vielzahl von Spezialisten mit kleinen Verbreitungsgebieten und oft deutlich höheren Risiken auszusterben. Das gilt auch für den Zieglers Krokodilmolch. Auf den ersten Blick wirkt der Molch eher unscheinbar. Erst bei genauerem Hinsehen fallen die orange-roten Finger- und Zehenspitzen auf. Solche auffälligen Farben dienen oft als Warnsignal. Sie können möglichen Fressfeinden signalisieren: Vorsicht, mit mir ist nicht zu spassen.

Zieglers Krokodilmolch im Zoo Zürich. Foto: Zoo Zürich, Tim Benz.

Die roten Zehenspitzen warnen potenzielle Fressfeinde. Foto: Zoo Zürich, Tim Benz.

Regen bringt Nachwuchs

Überraschend ist auch die Fortpflanzungsstrategie des Molchs, mit der er sich perfekt an seinen Lebensraum angepasst hat. Die Art existiert nur noch in kleinen Populationen in wenigen feuchten Bergwäldern Nordvietnams und im angrenzenden China. Hier entstehen Kleingewässer oft nur während der Regenzeit. Anders als viele Amphibien legt das Weibchen seine Eier daher nicht direkt ins Wasser. Stattdessen werden sie an feuchten Stellen abgelegt. Erst die schlüpfenden Larven gelangen dann durch starke Regenfälle in neu entstandene Kleingewässer, wo sie ihre Entwicklung fortsetzen. Ein raffinierter Schachzug der Natur, der aber nur funktioniert, solange solche Nischen existieren. Waldrodungen und Bergbau lassen den spezifischen Lebensraum des Molchs zunehmend schrumpfen. Und so gilt der Zieglers Krokodilmolch bereits kurz nach seiner Entdeckung als gefährdet.

Seit Kurzem leben auch im Zoo Zürich 16 Tiere, die Teil einer internationalen Reservepopulation sind – eine wichtige Massnahme, um die Art langfristig zu bewahren. Damit ist die Art noch nicht für immer gerettet. Aber ihre Chancen auf ein märchenhaftes Happy End stehen damit zumindest um einiges besser.

Severin Dressen, Direktor des Zoo Zürich. Foto: Zoo Zürich, NIKON Claudio Thoma.

Foto: Zoo Zürich, NIKON Claudio Thoma.

Obenstehender Text erschien erstmals im Rahmen der Kolumne «Zoo Intern» von Severin Dressen im «Tagblatt der Stadt Zürich».

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